Warum Klarheit vor dem Jobwechsel wichtiger ist als die nächste Bewerbung
Es gibt Phasen im Arbeitsleben, in denen sich Unbehagen einschleicht. Nach außen hin, ist alles wie immer. Man erledigt seine Aufgaben und übernimmt Verantwortung. Und trotzdem entsteht innerlich ein Abstand, der sich nur schwer greifen lässt.
Man funktioniert weiter, aber mit angezogener Handbremse. Irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, ob der Job noch passt. Sondern nur noch, wie lange man das so noch durchhält.
Oft ist dann der erste Gedanke: „Vielleicht brauche ich einen neuen Job?“
Bei manchen entsteht daraus schnell der Impuls, Bewerbungen zu schreiben und sich umzusehen. Das ist verständlich. Und trotzdem oft verfrüht.

Wenn Veränderung wie der einzige Ausweg wirkt
Ein Jobwechsel ohne innere Klarheit führt nicht selten dazu, dass man zwar den Ort wechselt, die eigentlichen Themen aber mitnimmt. Nicht jedes Problem lässt sich durch einen Wechsel lösen. Wenn ich mir über meine eigenen Werte und Muster nicht im Klaren bin, nehme ich die Konflikte eventuell 1:1 zum nächsten Unternehmen mit.
Um was geht es also genau? Sind es vielleicht Aufgaben, die nur noch Routine sind? Oder um Entwicklungen oder Entscheidungen, die sich immer weniger mit den eigenen Werten vereinbaren lassen? Hast du vielleicht das Gefühl, mit deinen Stärken nicht wirklich gesehen zu werden und du vor allem dort eingesetzt wirst, wo gerade jemand fehlt?
Solange diese Punkte nur im Kopf kreisen, bleiben sie diffus. Bevor also Bewerbungen geschrieben oder Profile aktualisiert werden, verschaffe dir zuerst Klarheit.
Zwei Listen statt vorschneller Entscheidungen
Mach dir zwei Listen.
Die erste Liste richtet den Blick auf deinen aktuellen Job. Was genau stört dich im Alltag? Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit deiner Führungskraft oder im Team?
Aufgeschrieben werden die Konflikte greifbar und oft auch klarer einzuordnen. Und es zeigt sich, welche Punkte wirklich schwer wiegen und welche eher Begleiterscheinungen sind. Nicht alles, was nervt, ist automatisch ein Grund zu gehen.
Im nächsten Schritt folgt die zweite Liste. Sie verschiebt den Blick weg von dem, was dich stört. Hin zu der Frage, wie es stattdessen sein sollte. In welchem Umfeld möchtest du arbeiten? Welche Art von Aufgaben gibt dir Energie? Welche Rahmenbedingungen brauchst du, um gut zu sein? Und welche Werte möchtest du nicht mehr erklären müssen, sondern selbstverständlich leben können?
Diese zweite Liste ist dein innerer Maßstab. Sie zeigt, worauf es dir wirklich ankommt. Erst wenn beide Listen nebeneinanderliegen, entsteht Orientierung. Manchmal wird dann klar, dass es weniger um einen kompletten Neuanfang geht. Sondern um Veränderungen an den richtigen Stellschrauben. Manchmal zeigt sich aber auch, dass der Abstand größer ist, als man lange wahrhaben wollte.
Ein Gespräch ist kein Risiko, Schweigen schon
An diesem Punkt wäre der nächste logische Schritt ein Gespräch mit der Führungskraft. Aber oft bleiben Wünsche unausgesprochen und Gedanken kreisen weiter im Kopf. Aus Sorge, dass das Gespräch unangenehm verlaufen könnte oder man als unbequem abgestempelt wird. Hier lohnt es sich, kurz innezuhalten. Wenn du morgen kündigen würdest, ohne dieses Gespräch geführt zu haben, wäre dann ein neuer Job die Lösung? Oder hättest du dieselben Themen in anderem Gewand?
Viele Mitarbeitende sind erstaunlich duldsam. Sie tragen Unzufriedenheit lange mit sich herum und passen sich an. Sie hoffen, dass sich Dinge von selbst klären. Und dann beginnt die innere Kündigung. Oft lange, bevor eine äußere Entscheidung getroffen wird. Und irgendwann kommt für den Arbeitgeber völlig überraschend die Kündigung. Mit dem Satz: „Ich habe mir das lange überlegt.“
Meine Erfahrung ist eine andere.
In vielen Fällen sind Führungskräfte dankbar, wenn Mitarbeitende klar benennen, was sie brauchen, um gut arbeiten zu können. Denn Führung kann nur dort ansetzen kann, wo Dinge ausgesprochen werden. Wünsche, Erwartungen oder Irritationen, die im Kopf bleiben, lassen sich weder einordnen noch gestalten.
Ein offenes Gespräch ist kein Zeichen von Undankbarkeit. Es ist ein Angebot zur Zusammenarbeit. Es schafft Orientierung darüber, was dich motiviert und wo du an Grenzen stößt. Und unter welchen Bedingungen du deine Stärken wirklich einbringen kannst. Damit wird aus innerem Rückzug wieder Dialog. Erst dann kann sich überhaupt etwas bewegen.
Nicht jedes Gespräch verändert etwas, legt aber einiges offen
Lass dich überraschen, wie viele Türen sich öffnen, wenn du deine Wünsche klar formulierst und nicht länger hoffst, dass jemand anderes sie errät. Nicht alles wird sofort möglich sein. Aber oft mehr als vorher gedacht.
Manchmal bekommst du spannendere Aufgaben. Du arbeitest häufiger an Themen, die dir liegen, und gibst Routinen ab, die dich blockiert haben. Manchmal verändert sich die Zusammenarbeit. Abstimmungen werden klarer und Erwartungen früher ausgesprochen. Konflikte werden nicht mehr vertagt, sondern benannt. Und manchmal wird Entwicklung konkret. Es bleibt nicht bei vagen Perspektiven, sondern es gibt klare nächste Schritte. Neue Verantwortung, eine veränderte Rolle oder auch eine offene Diskussion über Gehalt und Wertschätzung.
Ein einzelnes Gespräch verändert selten alles. Aber es zeigt, ob Veränderung grundsätzlich möglich ist oder ob du dauerhaft gegen Strukturen arbeitest, die sich nicht bewegen wollen. Deshalb ist es sinnvoll, Meilensteine und regelmäßige Reviews zu vereinbaren in denen ihr prüft, ob alles beim Alten bleibt oder sich tatsächlich etwas verändert.
Leider zeigt sich manchmal trotz offener Gespräche und klarer Vereinbarungen, dass sich im Alltag nichts verschiebt. Themen werden besprochen, aber nicht priorisiert. Absprachen bleiben unverbindlich. Strukturen erweisen sich als unbeweglich.
Dann hast du es nicht mit einem Kommunikationsproblem zu tun, sondern mit den Grenzen des Systems.
Auch das ist Klarheit.
Fazit:
Nicht jede Veränderung braucht einen neuen Arbeitgeber. Und nicht jedes Bleiben ist Stillstand.
Entscheidend ist, ob Entscheidungen aus Klarheit entstehen. Oder aus dem Wunsch, ein unangenehmes Gefühl schnell loszuwerden. Wer sich die Zeit nimmt, hinzuschauen und Gespräche zu führen, geht anders mit Veränderung um.
Gehen oder Bleiben. Beides kann richtig sein. Wichtig ist, dass du weißt, warum.


